Spiritualität für Männer

»Männer. Zieht Eure Schuhe und Strümpfe aus. Macht den Oberkörper frei.«
(Anweisung bei der Männer-Initiation)

Auf dem ersten spirituellen Seminar meines Lebens war ich der einzige Mann. Häufig fühlte ich mich unwohl in meiner männlichen Haut. Ich gehöre zum Geschlecht der Vergewaltiger, Brandschätzer und Henker. Viele Frauen hatten Angst vor mir; allein schon wegen meiner 1,98 Meter Körperlänge.

Auch die meisten Yogastunden und Meditationskurse habe ich ausschließlich mit Frauen verbracht. Dabei waren die meisten Seminarleiter männlich. Es scheint insgesamt auch mindestens genauso viele Männer wie Frauen zu geben, die spirituelle Bücher schreiben. Warum sind wir Männer dann in den Seminaren so in der Unterzahl?

Meine Theorie ist folgende: Während Frauen seit Jahrzehnten für ihre Emanzipation kämpfen, stehen wir Männer ratlos daneben und wissen, dass uns die Frauen langsam abhängen. Wir werden immer unsicherer. Es wäre Zeit für unsere eigene E-Mann-zipation. Denn viele Frauen sind uns in Weisheit und Lebenserfahrung haushoch überlegen. Wir haben unsere Rolle verloren. Der Macho ist out, der Softy unerträglich und der Normalo sterbenslangweilig. Abenteurer gibt es kaum noch, Älteste oder Weise schon gar nicht, Ritter, Piraten und Superhelden sind höchstens etwas für Kinderfantasien. Vielleicht ist das auch gut so. Doch leider gibt es kein erwachsenes Äquivalent zu diesen antiquiert-archaischen Vorstellungen.

Je selbstbewusster die Frauen werden, desto verletzlicher werden wir Männer. Unsere Verwundbarkeit zeigt sich in Form gestörter Emotionalität, Angst und Wankelmut. Als logische Konsequenz verschließen wir uns. Wir öffnen uns nur noch beim Alkohol oder im Stadion. Wir sprechen auch nicht ehrlich über unsere Gefühle, weder mit Freunden noch mit unserer Familie. Wir fressen alles in uns herein, betäuben uns und warten auf den großen Knall.

Ich habe mich in Clarity-Workshops, Vipassana, Reisen und Yoga langsam durch meine Baustellen gearbeitet. Doch fehlte mir immer noch etwas. Ich fand es in einer Runde von siebzig Männern. Der jüngste war gerade zwanzig, der älteste Mitte siebzig. Wir trugen keine Schuhe und keine Hemden. Wir standen nur in Jeans da. Damit machten wir uns angreifbar und waren der Kälte ausgesetzt. Sie sollte symbolisch für die Welt außerhalb des Seminars stehen. Ich war auf meinem ersten Männerseminar gelandet.

Einmal im Jahr bietet der Verein Männerpfade.de ein fünftägiges Seminar nur für Männer an. Hier wird der Mann zum Mann geweiht. Aus Respekt vor meinem eigenen Schwur und den Vorgaben der Veranstalter kann ich hier nicht genau erzählen, wie die Rituale und Aufgaben während der Tage bis zur Initiation ablaufen. Dies würde gegen den Codex verstoßen. Es würde allen Lesern außerdem die Chance rauben, sich ohne große Kenntnis und Vorwissen auf dieses Abenteuer einzulassen.

»Ich heiße Timm, komme aus Kiel und weiß nicht, warum ich hier bin. Ich weiß nur, dass mir etwas fehlt und dass ich es hier finden kann«, sagte ich in der Vorstellungsrunde.
Ich war offenbar der Einzige, der kein konkretes Ziel hatte, der nicht wusste, was er suchte oder verloren hatte.

Es nieselte bei höchstens zwölf Grad. Meine Zähne klapperten vor Kälte, meine Lippen waren blau. Ich blickte mich um. Niemand fror so wie ich. Was war ich nur für eine Memme. Um dieses Gefühl zu bearbeiten, war ich also gekommen. Ich tat mein Bestes, der Kälte zu danken, und klapperte weiter mit den Zähnen. Wir wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt. Ich bekam Hütte acht, unsere Gruppe hieß Jeremia. Fünf Männer meines Alters saßen schweigend auf ihren Betten und versuchten, sich nicht zu lange in die Augen zu blicken. Noch konnten wir mit der ganzen Verletzlichkeitssache nicht so gut umgehen.
In der Mitte der Hütte lag ein Stock. Wir sollten entscheiden, wer unser Stoker sein sollte; derjenige, der in Gesprächsrunden die Herrschaft hatte und andere unterbrechen durfte.
»Wer will?«, fragte jemand in die Runde. Keiner meldete sich.
»Ich würde es machen«, sagte ich. Alle nickten. Einer sagte sogar, dass er sich freuen würde, wenn ich das übernehmen könnte. Mein Ego machte einen Satz nach vorn. Als Anführer fühlte ich mich unantastbar.
Wir setzten uns in einen Kreis. Ich nahm den Knüppel und schaute in die Runde. Wir sollten zehn Sätze formen, die mit »Ich bin« anfangen.
»Ich bin Timm.«
»Ich bin Ingenieur«, sagte der nächste.
»Ich bin ein Suchender«, ein anderer.
Nach drei Runden sagte einer der Männer:
»Ich bin als Kind von einem Pfarrer missbraucht worden.«

So hart es war, das zu hören, gab es uns anderen doch die Erlaubnis, uns ebenfalls zu öffnen. Jeder erzählte von seiner schwersten Wunde. Es lag eine solche Verletzlichkeit und seelische Last in der Hütte, dass der Boden knarrte. Wir kannten uns seit weniger als einer Stunde und wussten doch mehr voneinander als unsere engsten Freunde und Familien. Nach etwa einer Stunde läutete es draußen. Wir standen auf, umarmten uns und hatten Tränen in den Augen. Sechs Männer, die kaum ihre Vornamen kannten, waren aus dem Nichts zu einer Einheit geworden.

In den nächsten Tagen durchliefen wir verschiedene Rituale. Wir erlebten Schmerz, Verletzlichkeit und Trauer auf eine Art, die ich bis hierher nicht gekannt hatte. In der täglichen großen Runde konnten wir unsere Gefühle zum Ausdruck bringen, Verletzlichkeit zeigen, Stärken und Schwächen in gleichem Maß zulassen.

Als ich an der Reihe war, musste ich an eine Situation aus meiner Jugend denken:
Es war an einem Frühlingstag Anfang der Neunziger. Ich hatte zwei Freunde von der Bundeswehr mit nach Hause gebracht. Mein Vater fragte, was wir Jungs denn mal werden wollten.
Der eine Freund sagte, er wolle Journalist werden, durch die Welt reisen, über Missstände berichten, Korruption aufdecken und die Welt verändern. Der andere Freund wollte Schriftsteller werden. »Ich will Geschichten erzählen«, sagte er. »Leute unterhalten und vielleicht etwas Brauchbares vermitteln.«
Mein Vater nickte zufrieden. »Und du?«, fragte er mich.
Ich wollte auch Journalist und Schriftsteller werden. Doch es gab etwas jenseits dieser Berufe, über das ich nicht zu sprechen wagte. An diesem Tag tat ich es. Vielleicht aus Mut; vielleicht um meinen Vater zu ärgern:
»Ich will Einsiedler werden«, sagte ich. »Ich will auf einem Berg leben, den ganzen Tag faulenzen und frei sein. Frei von dir, von mir, von diesem Hin-und-hergerissen-Sein, von diesem ganzen bescheuerten Aus-mir-muss-was-werden-Getue.«
Mein Vater atmete tief durch. Dann sagte er etwas, das ich damals nicht verstand und doch für immer in Erinnerung behalten würde: »Aus dir wird nie etwas. Denn du willst alles«, sagte er. »Sei dir nur gewiss, dass ›alles‹ auch Leid, Unglück und Unfrieden beinhaltet. Freiheit bedeutet nicht, von etwas frei zu sein, sondern für etwas frei zu sein. Du bist nicht frei, wenn du tun kannst, was du willst. Du bist dann frei, wenn du tun willst, was du tun sollst.«
Mein Vater hatte doch keine Ahnung. Ich wollte nichts tun – darum ging es mir. Ich wollte Frieden finden in der Stille.
»Du und Stillsitzen. Das will ich sehen«, entgegnete er. »Du – der Zappelphilipp.«
Ich stellte mich vor mehr als siebzig Männern in die Mitte des Raums, atmete tief durch und sagte: »Ich habe seit meiner Kindheit das Gefühl, dass aus mir nie was werden kann. Dass ich ein beschissener, nichtsnutziger Zappelphilipp bin.« Dann heulte ich.

Ich erinnere mich, dass ich am Anfang des Seminars viele Männer unsympathisch fand. Eitel, bieder, Waschlappen. Ich urteilte schneller, als ich denken konnte. Doch sobald ich die Schwächen und Verletzbarkeit der Männer gesehen hatte, hörte mein inneres Urteil sofort auf. Vielleicht erweckten sie so etwas wie Mitgefühl oder Demut in mir. Die Schicksale der Männer um mich herum lehrten mich, mein eigenes, vergleichbar leichtes Leben wertzuschätzen.

Es gab Vergewaltiger und Vergewaltigte, Geschiedene, die seit Jahren ihre Kinder nicht gesehen hatten, Unfallopfer, Alkoholiker, Drogensüchtige, Väter, die ihre Kinder verloren hatten, Soldaten, Hurensöhne, Verstoßene und Gebrochene. Kein Mann ohne Schicksal. Was war ich schon dagegen mit meiner Vergangenheit als Säufer, Kiffer und Kokser, mit meinem längst vergessenen Liebeskummer und meinen Vaterkomplexen?

Zwischen den weinenden und schlotternden Männern erkannte ich plötzlich diese gewaltige Kraft. Was wäre, wenn wir weniger Energie in die Unterdrückung unserer Gefühle stecken würden und stattdessen anderen helfen würden, ihre Wunden zu heilen?

Während des gesamten Seminars schlief ich unruhig. Ich wälzte mich zwischen Albträumen und fror in meiner viel zu kleinen Koje. Am liebsten wäre ich weggelaufen. Nach Hause, ins Bett, zu meiner Frau, an ihre Brust – ich wusste, dass ich noch weit davon entfernt war, ein Mann zu sein.

Morgens um halb sieben wurden wir geweckt, meditierten dann zusammen in Stille, hörten den Predigten der Seminarleiter zu und gingen in Zen-Manier in Zeitlupe zum Frühstück. Wir entschleunigten, entrunzelten unsere Stirn, lächelten und fragten nie, was jemand von Beruf sei.

Die Vormittage verbrachten wir meist in der ofengeheizten Hütte und saßen in der Runde, machten gemeinsam Übungen und lernten uns noch besser kennen. Unsere Rollen interessierten nicht. Wir saßen zusammen und fühlten uns verbunden. Wir waren Enthusiasten. Die Suche nach einer neuen Art des Mannseins schweißte uns zusammen.

Nachmittags gingen wir in den Wald, erkundeten die Natur, machten Feuer oder trommelten gemeinsam.

In den fünf Tagen durchliefen wir die Hölle, die Kreuzigung, die Auferstehung, die Taufe, die Einsamkeit und immer wieder Kälte. Wir waren 71 Männer und 18 Helfer. Wir wuchsen zusammen in unserer Nacktheit und Verwundbarkeit wie Soldaten im Krieg. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass wir in einem früheren Leben schon etliche Schlachten zusammen geschlagen haben könnten.

Ich habe viele Freunde und Verwandte, die alles Spirituelle kategorisch ablehnen. Dabei wäre es für sie die Rettung. Viele von ihnen wagen nicht, die erste Frage über sich zu stellen – nämlich ob sie das Leben führen, dass sie wirklich führen möchten. Oder ob sie das Leben führen, dass ihr Umfeld von ihnen erwartet. Schon an dieser Frage scheitern die meisten, denn sie wissen, dass tausend weitere Fragen folgen würden. Ein emotional gesunder Mensch ist in der Lage, alle seine Gefühle zu betrachten. Da wir in einer emotional unterdrückten Kultur aufwachsen, kenne ich niemanden außerhalb der spirituellen Welt, den ich als emotional gesund bezeichnen würde. Die meisten Menschen leben ein vorhersagbares, mechanisches Leben ohne Abwechslung, Abenteuer oder Veränderung. Ohne Tiefgang, ohne Herzenswärme und vor allem ohne annähernd ihr Potenzial auszuschöpfen.

Lassen Sie mich einen Freund explizit herauspicken, denn er ist ein Härtefall und gleichzeitig Synonym für Millionen von Männern. Nennen wir diesen Freund Philip. Er würde dieses Buch nicht mit der Kneifzange anfassen. Philip soll hier für einen großen Prozentsatz der Männer in unseren Breiten einstehen, die still vor sich hin leiden und es nie wagen würden, so etwas wie ein Männerseminar zu besuchen.
Philip gehört der deutschen Mittelschicht an, geht einer geregelten Arbeit nach und kleidet sich dem Dresscode der Branche entsprechend. Er isst vornehmlich deutsches oder italienisches Essen und hat eine Frau, die besser aussieht als er selbst. Er findet es normal oder sogar lobenswert, dass er sich emotional nicht öffnen kann und mit einer Panzerrüstung durch die Welt wandelt. Er hat Strategien entwickelt, gerade so weit offen und verbindlich zu sein, dass er nicht auffällt und ausgegrenzt wird
Philip hat Ausschlag (kann auch durch eine andere Krankheit ersetzt werden: Alkoholismus, Reizdarm oder Schlimmeres). Er sieht in Badehose ziemlich widerlich aus, obwohl er ziemlich fit ist. Er nässt. Außerdem schuppt er. Er hat keine Ahnung, dass ihm seine Haut etwas sagen möchte. Allein der logische Gedanke (mentales Problem à offene Haut à eklige Schuppen) kommt ihm nicht in den Sinn, obwohl Philip ein extrem logischer Mensch ist.
Philip muss sich bemühen, offen zu reden. Am liebsten lässt er andere sprechen. Philip kann sich der Welt höchstens durch einen winzigen Spalt öffnen. Aber das ist ihm nicht klar, denn er kennt das Gefühl der weit offenen Tür nicht.
Philips Freunden geht es nicht anders. Die meisten besaufen sich mindestens einmal pro Woche. Dann vergessen sie auch die körperlichen Beschwerden. Der eine hat Haut, der nächste Rücken, die meisten erste Anzeichen einer Depression. Fast jeder von ihnen hat ab und zu Selbstmordgedanken. Aber nicht schlimm. Muss man nicht drüber reden. Ist freitags wieder weg.

Ich erinnere mich, wie ich mein erstes spirituelles Buch (Eckhart Tolle: "Eine neue Erde") in einen Pappumschlag gebunden habe, um es auch in der U-Bahn lesen zu können, ohne mich zu schämen. Dann schämte ich mich trotzdem, weil nur Spießer ihre Bücher mit Packpapier einschlagen. Aber das Buch war so spannend, dass ich es lesen musste. Darin stand, dass meine Scham rein künstlich war und Gefühle wie Minderwertigkeit oder Zukunftsängste keiner gesonderten Aufmerksamkeit bedurften. Ich schämte mich also für die Sache, die mir die Lösung zum Schämen lieferte.

Und weil das alles so seltsam und verrückt ist, glauben mehr als neunzig Prozent der Männer, dass Spiritualität und Selbstfindung nichts für sie ist. Männerseminare erst recht nicht.

Für mich war der Männerpfad eine der tiefgreifendsten Erfahrungen meiner spirituellen Entwicklung.

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Auszug aus dem Buch "Meditiere ich noch oder schwebe ich schon?" mit freundlicher Genehmigung des Autors Timm Kruse